Sie gehören eigentlich schon viele Jahre zur fachlichen Grundlage des pflegerischen Handelns – die Pflegediagnosen. Leider ist dies in Deutschland meist die Theorie. Was in unseren deutschsprachigen Nachbarländern in Krankenpflegegesetzgebungen fest verankert ist, ist bei uns oft selten in der Praxis zu finden. Von anderen Berufsgruppen belächelt, ließen sie sich in der papier-basierten Dokumentationswelt nicht nutzbringend umsetzen. Aber in der Digitalisierung der Pflegedokumentation spielen Pflegediagnosen-Klassifikationen eine neue und bedeutende Rolle für die Sicherstellung einer Interoperabilität in der Pflege.

Und wer sich bis hierhin gefragt hat, was denn eigentlich Pflegediagnosen sind, den möchte ich auf die bestehende ISO-Norm 18104 aufmerksam machen und eine Definition von Müller-Straub aufgreifen:

„Mithilfe von Pflegediagnosen lassen sich menschliche Reaktionen von Individuen, von Familien oder von Gemeinden auf aktuelle oder potenzielle Gesundheitsprobleme beurteilen. Darüber hinaus bilden sie die Grundlage für die Auswahl pflegerischer Interventionen, um Ziele zu erreichen, für welche die Pflegefachkraft verantwortlich ist.“ (Müller-Staub et al. 2008, S. 328)

Dabei gibt es zudem noch unterschiedliche Arten von Pflegediagnosen:

  • Aktuelle Pflegediagnosen
  • Hochrisiko- oder Gefährdungspflegediagnosen
  • Syndrompflegediagnosen
  • Gesundheits-Pflegediagnosen oder Wellness-Pflegediagnosen
  • Verdachts-Pflegediagnosen

Jetzt wissen Sie zwar was Pflegediagnosen sind, jedoch noch nicht welchen Benefit diese der Pflege bringen. Daher seien hier einige Vorteile des Einsatzes von Pflegediagnosen aufgeführt:

  • klare und übersichtliche Beschreibung der Pflegesituation
  • immense Zeitersparnis bei der digitalen Dokumentation durch die Interoperabilität der Pflegediagnosen-Klassifikationen mit anderen Tools, Technologien und Datenbanken
  • Begründung für pflegerisches Handeln und die Notwendigkeit pflegerischer Maßnahmen
  • Erleichterung der Kommunikation mit anderen Sektoren und Berufsgruppen
  • Argumentationsgrundlage für die Leistungsabrechnung

Und gibt es eine Chance für Pflegediagnosen in Deutschland?

Diese Frage würde ich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Digitale Technologien können mit nicht-strukturierten Daten wenig anfangen. Daher verknüpfen die meisten Pflegesoftwaresysteme die Inhalte mit standardisierten Pflegediagnosen-Klassifikationssystemen (ICNP, POP, NANDA, SeMPA, ENP etc.). Durch das KHZG erfährt zumindest die Digitalisierung in der klinischen Pflege einen großen Schub. Somit werden auch die Pflegefachleute zunehmend wieder mit der Pflegediagnostik im Pflegealltag konfrontiert. Gute Pflege-Expertensysteme können hier so stark mit Automatisierung unterstützen, dass es im Routine-Einsatz keinen maßgeblichen Mehraufwand für die Anwender bedeutet.

Dazu hat die Bundesregierung im letzten Jahr eine nationale Lizenz der Snomed CT erworben und zur Nutzung bereitgestellt. Dort sollen in den nächsten Monaten auch die ICNP (International Classification of Nursing Practice) mit integriert werden. Somit steht den deutschen Gesundheitseinrichtungen eine bereits lizensierte, internationale Pflegeklassifikation zur Verfügung. Diese wird zudem auch in nationalen Interoperabilitätsprojekten integriert und somit zu einer quasi nationalen Leit-Pflegeklassifikation gemacht.

Noch die „alte Bundesregierung“ hat zudem das Thema der Entwicklung eines wissenschaftlichen Personalbemessungsinstruments aufgegleist. Aktuell scheint es nach einer Übergangszeit mit einer PPR2.0, in die Richtung von Pflegediagnosen und Pflege-DRGs zu gehen.

Pflegediagnosen können eine Verbesserung der Professionalität und Qualität der Pflege in allen Sektoren sein. Waren diese auf Papier kaum umsetzbar, könne digitale Systeme hier nicht nur eine große Unterstützung sein, sondern die Nutzung von Pflegediagnosen erleichtert auch die intersektorale und interprofessionelle Kommunikation und Interoperabilität. 
Weiterhin wären die Pflegefachleute damit auch in der Lage, ihr komplexes und ganzheitliches Pflegehandeln, aber auch die erforderliche Finanzierung für alle sichtbar zu machen!

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